Liebe..

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Was ist Liebe?

Nehmen Sie zum Beispiel eine Rose: Kann die Rose sagen: "Für gute Menschen will ich meinen Duft verströmen, doch vor bösartigen halte ich ihn zurück"? Oder können Sie sich eine Lampe vorstellen, die einem boshaften Menschen, der in ihrem Schein gehen möchte, nicht leuchtet? Sie wäre dann keine Lampe mehr. Und wie hilflos und wahllos spendet ein Baum allen seinen Schatten: gut und böse, jung und alt, hoch und niedrig; Tieren, Menschen, jedem Lebewesen – sogar dem, der ihn fällen möchte. Somit ist das erste Merkmal der Liebe: Sie wählt nicht aus.

Was ist zu tun, um solche Liebe zu erlangen? Alles, was Sie tun, wird Sie nur gezwungen, gekünstelt und darum unecht machen, denn Liebe lässt sich nicht erzwingen. Es gibt nichts, was Sie tun könnten. Doch gibt es etwas, wovon Sie lassen könnten. Achten Sie darauf, welch wunderbare Veränderung in Ihnen vor sich geht, sobald Sie die Menschen nicht mehr in gut und böse, in Heilige und Sünder einteilen, sondern sie als nicht wahrnehmend und unwissend zu sehen beginnen. Dies zu erkennen heißt, die bewundernswerte Fähigkeit einer Rose, einer Lampe, eines Baumes zu erlangen.

Zum Wesen der Liebe gehört ferner, dass sie ein Geschenk ist. Wie die Rose, die Lampe und der Baum gibt sie und verlangt nichts zurück. Wie sehr verachten wir den Mann, der sich bei der Wahl seiner Frau nicht von einem Vorzug, den sie haben mag, bestimmen lässt, sondern von ihrer Mitgift. Ein solcher Mann, sagen wir zu Recht, liebt nicht die Frau, sondern den finanziellen Vorteil, den er durch sie erhält. Doch ist Ihre Liebe um so viel anders, wenn Sie die Gesellschaft und Nähe derer suchen, die Ihnen emotionale Befriedigung einbringen, und diejenigen meiden, bei denen dies nicht so ist; wenn Sie denen gegenüber positiv eingestellt sind, die Ihnen das geben, was Sie suchen und Ihre Erwartungen erfüllen, und sich anderen gegenüber, für die das nicht gilt, gleichgültig und ablehnend verhalten? Auch hier können Sie nur eines tun: die Fähigkeit erwerben, Liebe als Geschenk zu verstehen. Die bloße Erkenntnis, was Ihre so genannte Liebe in Wahrheit ist: eine Tarnung für Selbstsucht und Habgier, kann ein Riesenschritt zum Erlangen dieses zweiten Merkmals der Liebe sein.

Die dritte Wesensart der Liebe besteht darin, dass sie sich ihrer selbst nicht bewusst ist. Liebe erfreut sich so sehr der Liebe, dass sie es vor Glück selbst nicht weiß. So wie die Lampe nur damit beschäftigt ist zu leuchten und keinen Gedanken daran verliert, ob sie anderen damit nützen könnte oder nicht; wie die Rose ihren Duft einfach deshalb verströmt, weil es nichts anderes gibt, was sie tun könnte – ganz gleich, ob es jemanden gibt, der ihren Duft genießt oder nicht, so wie der Baum Schatten spendet. Das Licht, der Duft und der Schatten entstehen nicht, sobald sich jemand nähert, und hören nicht auf, sobald niemand mehr da ist. All dies ist da wie die Liebe – unabhängig von Menschen. Liebe ist einfach, sie hat kein Objekt. Licht, Duft, Schatten sind einfach, egal, ob jemand von ihnen profitiert oder nicht. Darum wissen sie auch nichts von Verdienst oder guter Tat.

Schließlich gehört zum Wesen der Liebe die Freiheit. Sobald sich Zwang, Kontrolle oder Konflikt einstellen, stirbt die Liebe. Auch die Rose, der Baum und die Lampe lassen Sie vollkommen frei sein. Der Baum wird sich nicht bemühen, Sie in seinen Schatten zu ziehen, wenn Ihnen ein Sonnenstich droht. Die Lampe wird Ihnen nicht ihr Licht aufzwingen, wenn Sie im Dunkeln stolpern. Denken Sie einmal an die vielen Zwänge und die Kontrollen durch andere, denen Sie unterliegen, wenn Sie ängstlich ihren Erwartungen zu entsprechen suchen, um ihre Liebe oder Zustimmung zu erkaufen, oder weil Sie fürchten, sie zu verlieren. Jedes Mal, wenn Sie sich diesem Zwang und dieser Kontrolle unterstellen, zerstören Sie Ihre Fähigkeit zu lieben, die Ihre eigentliche Natur ist, denn Sie können nicht umhin, anderen das anzutun, was Sie anderen erlauben, dass sie es Ihnen antun.

Denken Sie dann über all die Kontrollen und die Zwänge in Ihrem Leben nach, und allein dieses Bedenken wird sie Ihnen hoffentlich nehmen. In dem Augenblick, da sie verschwinden, wird sich Freiheit einstellen. Und Freiheit ist nur ein anderes Wort für Liebe.

–Anthony de Mello–

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